Dr. Johann Müller - Augenarzt & Homöopath...


Das Buch vom Es

Psychoanalytische Briefe an eine Freundin.

von Georg Groddeck

Quellen:

 

Das Buch vom Es. Psychoanalytische Briefe an eine Freundin.

 

Ullstein TB 34473, Frankfurt/M.-Berlin 1994  
seitenidentisch mit der Auflage des

 

Limes-Verlag, Wiesbaden und München 1961,1978
Groddeck-Werke Manuskriptedition

Stroemfeld/Roter Stern Frankfurt/Main 2004

 

Hier lesen Sie ein Exzerpt dieses wegweisenden Buches zur Psychosomatik aus der Sicht der Psychoanalyse. Diese Kompilation ist für interessierte Ärzte veröffentlicht und als Anregung zu einer Selbstanalyse nicht geeignet.

Zum Verständnis: Das Buch ist in Form von 33 den Kapiteln entsprechenden (fiktiven) Briefen gehalten.

Die Ziffern geben zur Orientierung die einzelnen Kapitel an, die Zwischenüberschriften wurden zur besseren Übersichtlichkeit von mir eingefügt..

 

1. Angst ist,...die Folge eines verdrängten Wunsches.

..das Wesentliche des Arztes ist: ein Hang zur Grausamkeit, der gerade so weit verdrängt ist, daß er nützlich wird, und dessen Zuchtmeister die Angst ist, wehzutun.

Menschen, die ihre Mutter hassen, sind kinderlos.

Und wer in diesem Reich (der Phantasie) heimisch ist, erkennt irgendwann einmal, daß alle Wissenschaft nichts anderes ist als eine Abart der Phantasie, ein Spezialfach sozusagen...

2. In ihm ist ein Es..; Der Mensch wird vom Es gelebt.

Ist es nicht merkwürdig, daß wir von unseren drei ersten Lebensjahren nichts mehr wissen?

Wir vergessen jene drei ersten Jahre nicht, die Erinnerung daran scheidet nur aus unserem Bewußtsein aus, im Unbewussten lebt sie fort, bleibt sie so lebendig, daß alles, was wir tun, aus diesem unbewußten Erinnerungsschatz gespeist wird.

Sobald wir tief leben, sind wir Kind.

...hat er mit dem Blinddarm zu tun, wie alle, die gern kastriert werden, Weib werden wollen;

symbolische Schwangerschaften

daß das Es, jenes Ding, von dem wir gelebt werden, auch die Geschlechtsunterschiede nicht ohne weiteres anerkennt, ebenso wenig wie die Altersunterschiede.

3. Wo Liebe ist, da ist auch Haß, wo Achtung ist, da ist Verachtung, wo Bewunderung ist, da ist Neid.

Schwangerschaft - Und die Übelkeit entsteht aus dem Widerwillen des Es gegen irgend etwas, was im Inneren des Organismus ist. Übelkeit drückt den Wunsch aus, dieses Widerwärtige zu entfernen, und Erbrechen ist der Versuch, es fortzuschaffen.

In diesem Fall also der Wunsch und Versuch der Abtreibung.

(Zahnschmerz in graviditatem) Der Zahn ist das Kind des Mundes, der Mund ist die Gebärmutter,... Sie wissen ja, wie stark diese Symbolik im Menschen wurzelt, sonst könnte er nicht auf den Ausdruck Gebärmuttermund, Schamlippen gekommen sein.

Auch die seltsamen Gelüste und Abneigungen der Frauen in guter Hoffnung stammen teilweise von dem Haß gegen das Kind.

Abtreibung - das Vermeiden der Schwängerung ist dasselbe?

..wozu gibt es Krankheiten? Besonders Unterleibsleiden?

Denn das unbewußte Es, nicht der bewußte Verstand schafft die Krankheiten.

..auch das ist eine Eigentümlichkeit des Es, daß jede Schuld, die denkbar ist, einen jeden drückt, daß er vom Mörder, Dieb, Heuchler und Verräter sagen muß: Das bist du selber.

..es ist noch nie eine Fehlgeburt zustande gekommen, die nicht absichtlich aus gut erkennbaren Gründen vom Es herbeigeführt worden wäre.

Ich bin der Überzeugung, daß das Kind aus Haß geboren wird.

4. ..die Phantasie des Vergewaltigtwerdens..

Das Unbewußte ist rätselhaft, und zwischen Wald, gewaltig und Gewalt schlummern Engel und Teufel.

..erfährt das kleine Mädchen, daß ihm etwas fehlt, was der Knabe, der Mann besitzt.

..wie ein Kind die Geschlechtsunterschiede kennenlernt?

..dieses Fehlen eines Bestandteils des Menschen und fasst es als einen Fehler seines Wesens auf.

..das Gepräge der Beschämung und des Schuldgefühls tragen.

Und nun kommt der Moment der Empfängnis.., das Verschwinden der Leere, des verzehrenden Neides und der Scham.

..die Hoffnung, daß in ihrem Leib ein neuer Teil ihres Wesens, eben das Kind, wächst, das diesen Fehler nicht haben, das ein Junge sein wird.

..zu dem heiteren, göttlichen Lachen, mit dem man in der Komik die tiefe Wahrheit begrüßt.

..nein, es ist die Wollust, die solches Zustande bringt, eine eigenartige Form der Selbstbefriedigung, von Kindheit auf geübt und bis zur Vollendung später ausgebildet in der Verstopfung; nur daß dann leider der Organismus nicht mehr mit der Wollust antwortet, sondern nur, im Schuldgefühl der Onanie, Kopfschmerzen oder Schwindel oder Leibweh schafft und wie die tausend Folgen der Gewohnheit, sich dauernd einen Druck auf die genitalen Nerven zu erhalten, heißen mögen.

..den Vergleich zwischen Begattung und Kindsbewegung..

..vor allem die Entbindung selbst ein Akt der höchsten Wollust ist, dessen Eindruck als Liebe zum Kind, als Mutterliebe weiterlebt.

..daß der Schmerz Wollust sein kann, höchste Wollust?

Zuletzt aber steigt aus dem Dunkel des Unbewußten die Mutterimago empor; denn alles Begehren und jede Wollust ist durchtränkt von der Sehnsucht, wieder in den Schoß der Mutter zu gelangen.

5. Die Mutter selbst gibt ihrem Kind Unterricht in der Onanie, sie muß es tun, denn die Natur häuft den Dreck, der abgewaschen werden will, dort an, wo die Organe der Wollust liegen;

.. Ihnen zeigen, daß allerdings unsere Menschenwelt, unsere Kultur zum großen Teil auf der Selbstbefriedigung aufgebaut ist.

.. an die tausend Möglichkeiten der versteckten, schuldlosen Onanie zu denken, an das Reiten, Schaukeln, Tanzen, an das Stuhlverhalten; der Liebkosungen, deren tieferer Sinn die Selbstbefriedigung ist, gibt es auch so genug.

Das Es, das Unbewußte, denkt symbolisch, und unter anderen hat es ein Symbol, demzufolge es Kind und Geschlechtsteil identifiziert, gleichbedeutend braucht.

Ein Gutteil der Mutterliebe zum Kind stammt aus der Liebe, die die Mutter für ihren Geschlechtsteil hat, und aus Onanie-Erinnerungen.

6. Symbole

Als Symbol der Ehe gilt der Ring; ..daß der Sinn der Ehe die Geschlechtstreue ist,...

Der Ring vertritt das weibliche Geschlechtsorgan, während der Finger das Organ des Mannes ist.

..daß dieses Symbolisieren nicht dem absichtlichen Denken entspringt, sondern dem unbekannten Wirken des Es.

..ja man darf sagen, daß alles bewußte Denken und Handeln eine unentrinnbare Folge unbewußten Symbolisierens ist, daß der Mensch vom Symbol gelebt wird.

Assoziationen:

,denn jedes Ding hat seinen Gegensatz in sich,

Rotkäppchen

Das rote Köpfchen guckt bei jedem Urinlassen neugierig aus seinem Vorhautmantel heraus, und wenn die Liebe kommt, reckt es den Kopf nach den Blumen der Wiese, steht wie der Pilz, wie das Männchen im Wald mit roter Kapuze auf einem Bein, und der Wolf, in den es hineingerät, um nach neun Monden wieder aus seinem Bauch geschnitten zu werden, ist ein Symbol kindlicher Empfängnis- und Geburtstheorien.

..daß das Märchen aus dem Assoziations- und Symbolisierungszwang entstand, entstehen mußte, weil das Rätsel der Begattung, Empfängnis, Geburt und des Mädchentums die Menschenseele mit Affekten quälte, bis sie dichterisch gestaltete, was unbegreiflich ist.

Übertragung:

..den größten Teil dieser Gefühlsmasse, beinahe alles, verwendet er auf sich selbst; ein im Vergleich geringer, im Leben aber recht erheblicher Teil kann nach außen hin gerichtet werden.

.. das die Gefühlswelt des Kindes in höchstem Maß auf sich zieht, das ist die Mutter. Ja man kann mit einem gewissen Recht behaupten, daß diese Neigung zur Mutter- die immer auch ihr Gegenteil, die Abneigung, bedingt- ähnlich unveränderlich ist wie die zu sich selbst.

 

Mutterimago

Nach diesem Mutterimago strebt nun das Gefühlsleben des Menschen sein Leben lang, so stark strebt es danach, daß beispielsweise die Sehnsucht nach Schlaf, die Sehnsucht nach dem Tod, nach Ruhe, nach Schutz sich gut als Sehnsucht nach der Mutterimago auffassen lassen,..

7. .. der Schmerz gehört zu diesem höchsten Augenblick der Lust.

Sadist ist jeder Mensch, Masochist ist jeder Mensch; ein jeder muß von Natur aus wünschen, Schmerz zuzufügen und Schmerz zu erleiden: Der Eros zwingt ihn dazu.

Angst, Angst des Erstickens leidet er während der Geburt, und Angst bleibt ihm all seine Lebtage als Begleiterin jeder höchsten Freude,..

8. ..über das Wort „unnatürlich" unterhalten? Für mich ist es der Ausdruck menschlichen Größenwahns, der sich selber als Herrn der Natur empfinden möchte.

..jeder Mensch ist multipel pervers, jeder Mensch hat jede perverse Neigung in sich,..

..meine Ansicht, daß auf dem Hang zur Selbstbefriedigung- denn in deren Dienst stehen Schönheitssinn und Reinlichkeit- die Welt ruht..

Ödipuskomplex

Mutter und Hexe sind für das Es der Märchen dichtenden Menschheitsseele dasselbe.

..sein Gegengewicht in dem Glauben an die jungen, schönen Hexen findet, die rothaarigen, gottlosen Dinger, der aus dem Haß der alternden Mutter gegen die feurig leidenschaftliche, frisch menstruierte, das heißt rothaarige Tochter entsteht.

In jeder Tochter flammt während der Schwangerschaft der Mutter die Eifersucht auf;

..stets wird sie durch die Gewalt des moralischen Gebotes: Du sollst Vater und Mutter ehren, sonst mußt du sterben, niedergedrückt, verdrängt,..,daß das Schuldgefühl entsteht.

Den tiefsten Grund des Schuldbewußtseins..

daß das Kind bei der Geburt, dadurch, daß es geboren wird, der Mutter Blut vergießt. Und wer Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden. Die Frau, die guter Hoffnung ist, kann nicht anders, als das Kind im Leib fürchten, denn es ist der Rächer. Und niemand ist gut genug, den Rächer immer zu lieben.

Wenn Frieda ihrer Mutter flucht, so verflucht sie auch das Symbol, ihr Geschlechtsorgan, ihr eigenes gebärendes Wesen, ihr Frau- und Muttersein.

9. ..Annahme, daß das Kind auch ungeboren denkt..

Es denkt nur an sich, alle Affekte gehen auf den eigenen Mikrokosmos. Ist es zu verwundern, daß diese von Beginn an geübte Gewohnheit, diese erzwungene Gewohnheit, dem Menschen sein ganzes Leben hindurch bleibt? Denn wer ehrlich ist, der weiß, daß wir alles immer auf uns selbst beziehen, daß es ein mehr oder minder schön anzuschauender Irrtum ist, anzunehmen, wir lebten für andere oder anderes.

Christus wußte das; denn als das höchste Ideal, als ein unerreichbares Ideal, sprach er das Gebot aus: Liebe deinen Nächsten als dich selbst; wohlgemerkt nicht „mehr als dich selbst", sondern so wie du dich liebst.

Heutigen Tages nennt die Psychologie diesen Trieb bei Menschen zu sich selbst, diesen Trieb, der ausschließlich ist und in dem Alleinsein des Kindes im Mutterleib wurzelt, Narzißmus.

Tatsächlich wird ja auch unser ganzes Leben, ohne daß wir es wissen, von diesem Wunsch, in die Mutter zu gelangen, geleitet.

..daß das Bett ein Symbol des Mutterleibes ist, der Mutter selbst?

In Wahrheit sind wir Werkzeuge des Es, das mit uns macht, was es will..

..wenn sie bedenken, daß das Kind, je mehr es seine Mutter liebte, um so eifriger streben muß, von ihr loszukommen, so werden ihnen Naturen wie Bismarck oder der Alte Fritz, deren emsiger Fleiß in seltsamem Gegensatz zu ihrer großen Faulheit steht, begreiflich werden.

..wie ähnlich das Rauchen dem Saugen an der Mutterbrust ist?

eine kleine Regel..: Wen man schilt, den liebt man.

Sie werden nie in der Annahme fehlgehen, daß der Mensch, was er haßt, einmal sehr geliebt hat und noch liebt..

Die Tiefen der Seele, in denen die verdrängten Komplexe ruhen, verraten sich in den Widerständen. Zwei Dinge muß beachten, wer sich mit dem Es befasst, die Übertragungen und die Widerstände.

10. Die Übertragung des Affekts zu Vater oder Mutter auf den Arzt stellt sich bei jeder Behandlung ein; sie ist maßgebend für den Erfolg..

Ich kenne ein Mittel, die verborgene Gesinnung eines Menschen gegen mich, wie sie im Augenblick da ist, ans Tageslicht zu ziehen..: Fragen sie den, dessen Herz sie kennenlernen möchten, nach einem Schimpfwort.

Kastrationskomplex

..daß diese Doppelgeschlechtlichkeit für die Kinder allgemeingültig ist.

infantile Sexualtheorie

11.Was verdrängt wird, wird vom Platz gedrängt; in andere Form gepreßt und umgewandelt; zum Symbol gestaltet, erscheint es wieder: Die Verschwendung wird zum Durchfall, die Sparsamkeit zur Verstopfung, die Gebärlust zum Kopfweh, der Geschlechtsakt zum Tanz, zur Melodie, zum Drama, baut sich vor aller Menschen Augen auf als Kirche, mit ragendem Mannesturm und geheimnisvollem Mutterschoß des Gewölbes,..

Sieh nur, Liebe, er wurde ein Mensch, zum Herrn geworden durch Verdrängung und Symbol.

So ist es mit allen Knaben: Sie lieben ihre Mütter, nicht kindlich, unschuldig, rein, sondern heiß und leidenschaftlich, durchtränkt von Sinnlichkeit, mit der ganzen Kraft wollüstiger Liebe;

Die Blutschande mit der Mutter gilt als das schwerste Verbrechen, schlimmer als Muttermord. (in allen Kulturen)

Weil jede Erektion Begierde nach der Mutter ist, jede, nach dem Gesetz der Übertragung ausnahmslos jede, darum ist sie von Angst vor der Kastration begleitet.

Auf jede Erektion folgt die Erschlaffung. Und ist das nicht Entmannung? Diese Erschlaffung ist die natürliche Kastration und ist eine symbolische Quelle der Angst.

die Genesis

Adam empfindet durch sich selbst die Lust, die Befriedigung, die Verwandlung von Fleisch in Rippe verschafft er sich selbst (=die Erektion).Und die Erschaffung des Weibes, das Abschneiden der Rippe, so daß die Wunde des Weibes entsteht, diese Kastration ist letzten Endes die Strafe für die Onanie.

..Umwandlung des Mannes in ein Weib durch die Kastration.

Sollte etwa der Geschlechtsverkehr Ersatz der Onanie sein?

12.

Die Belastung durch den Kastrationsgedanken ist bei dem Weib an sich schwerer als bei dem Mann.

..die monatliche Blutung, dieses Kainszeichen des Weibes, rührt den Kastrationskomplex auf,..

In der Mitte des Liebeslebens steht das Blut, die Lust am Blut.

Nenne doch alle Sprachen das Manneszeichen Rute. Die Grausamkeit ist unlösbar mit der Liebe verknüpft, und das rote Blut ist der tiefste Zauber der roten Liebe.

Ich nehme an, daß die Periode des Weibes, insbesondere auch die Blutung, ein Lockmittel für den Mann ist.

Das ist nun schon das dritte Mal, daß ich in meinen Briefen von Verbot rede, einmal war es das Onanieverbot, dann das Verbot des Inzestes mit der Mutter und nun das des Geschlechtsverkehrs während der Periode.

Denn eins ist klar: Das Verbot kann wohl den Wunsch verdrängen, aus seiner Richtung drängen, aber es tötet ihn nicht.

..der verdrängte Wunsch erscheint in der Erkrankung, in jeder Art der Erkrankung, mag sie organisch oder funktionell sein, mag sie Lungenentzündung oder Melancholie benannt werden.

Der Trieb zur Selbstliebe bekommt freiere Bahn und erbaut durch die Begierde des Weibes die Grundlagen unserer Kultur,..

..während der Mann als Anbeter des Blutes in die geheimnisvollen Eingeweide der Welt eindringt und unablässig am Leben schafft.

13.

Sie braucht eine Hilfe, ein Band gewissermaßen, das die Maske festhält, und diese Hilfe findet sie in der Erkrankung, zunächst im Kreuzschmerz. Das Vor- und Zurückbewegen des Kreuzes ist die Beischlafstätigkeit des Weibes: der Kreuzschmerz verbietet diese Bewegung, er verstärkt das Verbot der Brunst.

Ich will Ihnen nur begreiflich machen, was Ihnen so oft unbegreiflich schien, warum ich immer wieder bei meinen Kranken nach dem Zweck ihrer Erkrankung frage.

Die Kreuzschmerzen bei der Periode erleichtern der Frau den Widerstand gegen ihre

Begierde, so behaupte ich.

..daß in diesem Wort Kreuz das Mysterium der Christenheit steckt, daß dieses Os sacrum, dieser heilige Knochen, in sich das Problem der Mutter birgt.

..denn Übelkeit, Erbrechen, das Gefühl des Schädelplatzens sind Geburtssinnbilder in Krankheitsform.

Je schwerer der innere Konflikt der Menschen ist, um so schwerer sind die Erkrankungen die ja symbolisch den Konflikt darstellen, und umgekehrt.

Denn nur der stirbt, der sterben will, dem das Leben unerträglich wurde.

Die Erkrankung hat einen Zweck, sie soll den Konflikt lösen, verdrängen oder das Verdrängte am Bewußtwerden verhindern;

Schwindsucht: Absatz S. 119

14. der Ödipuskomplex

in dieser Sage sich ein tiefes Geheimnis des Menschseins halb enthüllt

Der Widerstand des Kranken gegen den Arzt ist das Objekt jeder Behandlung.

Das Es wünscht durchaus nicht von vornherein gesund zu werden.

..das Bestehen der Krankheit beweist, trotz aller  Versicherungen, Klagen und Anstrengungen des bewußten Menschen, daß dieser Mensch krank sein will.

Jede Erkrankung ist eine Wiederholung der Säuglingssituation, entspringt der Sehnsucht nach der Mutter, jeder Kranke ist ein Kind, jeder Mensch, der sich des Kranken annimmt, wird zur Mutter.

Wenn jemand krank wird, ist es wahrscheinlich, dass er irgendwie in nächster zeitlicher Nähe des Krankheitsbeginnes überaus stark an die Mutterimago erinnert wurde,..

...der Beginn der Erkrankung –die ersten Symptome sind immer beachtenswert, sie verraten viel von den Absichten des Es

Die Idee, unbequeme Menschen zu töten, begleitet uns alle durch unser ganzes Leben, und unter ungünstigen Verhältnissen wird Wunsch und Abscheu zu töten so stark, dass das Es sich entschließt, das Mordwerkzeug des Menschen, den rechten Arm lahmzulegen.

...dass wir alle uns göttlichen Ursprung anmaßen, dass uns der Vater wirklich Gottvater ist und die Mutter eine Gottesmutter.

Religionen sind Schöpfungen des Es. Schauen Sie auf das Kreuz mit seinen ausgebreiteten Armen und Sie werden mir beipflichten. Der Gottessohn hängt und stirbt daran. Das Kreuz ist die Mutter, und an unserer Mutter sterben wir alle. Ödipus,Ödipus.

Homosexualität ... unter den verschiedenen Gründen, die zur Gleichgeschlechtlichkeit führen, einer nie außer acht gelassen werden darf, das ist die Verdrängung des Mutterinzests.

...weil man Hans mit Johannes dem Täufer zusammenbringt, der deutlich genug in Taufe und Hinrichtung als männliches Glied gekennzeichnet ist?

Das Volk sagt, wer seine Mutter nackt sieht, wird blind. Und Ödipus sticht sich die Augen aus.

 

15.

..geben Sie in unserem Zwiegespräch die Unterscheidung zwischen „psychisch“ und „organisch“ auf.

.. dass für das Es ein Unterschied zwischen organisch und psychisch nicht besteht und dass infolgedessen, wenn man das Es überhaupt durch die Analyse beeinflussen kann, auch organische Krankheiten psychoanalytisch behandelt werden können und unter Umständen müssen.

Wenn ich die Worte Körper und Seele gebrauche, verstehe ich darunter Erscheinungsformen des Es,

 

Die Treppe ist ein Geschlechtssymbol, und es gibt zahllose Menschen, die von dem Gedanken des Fallens auf der Treppe verfolgt werden.

Nehmen Sie ein Auge.

...wenn ich durchaus nicht sehen soll, werde ich kurzsichtig, verlängere meine Achse, und wenn das nicht ausreicht, lasse ich Blut in die Netzhaut treten und werde blind? Wir wissen so wenig vom Auge.

 Übertragung

Übertragung und Widerstand, das sind die Angriffspunkte der Behandlung.

..als Hauptarbeit der Behandlung das Beseitigen und Überwinden des Widerstandes.

..das Wesentliche dabei ist, dass man bei sich selber beginnt, dass man erst einmal in seine eigenen Winkel und Ecken, Keller- und Speiseräume hineinguckt, Mut zu sich selber, zu seiner eigenen Schlechtigkeit oder, wie ich lieber sagen würde, Menschlichkeit findet.

Das erste Erfordernis ist also wohl Ehrlichkeit, Ehrlichkeit gegen sich selbst. Bei sich selbst lernt man am besten die Widerständen kennen. Und sich selbst lernt man am gründlichsten kennen, wenn man andere analysiert.

 

16.

Der Ring ist ein Weibessymbol, und die Uhr, wie jede Maschine, ist es auch.

Was links ist, ist Liebe, was links ist, ist verboten, von Erwachsenen getadelt: Es ist nicht rechts, ist unrecht.

Aber durch nichts wird der Mensch tiefer verletzt, als wenn man ihn für edler hält, als er ist.

Menschen mit Schreibkrampf

„Die Feder ist der Geschlechtsteil des Mannes, das Papier das empfangende Weib, die Tinte der Samen, der bei dem raschen Auf und Ab des Schreibens ausströmt. Mit anderen Worten, das Schreiben ist ein symbolischer Geschlechtsakt.

 

..die Ähnlichkeit des Spargels mit dem Penis und einen Wunsch der Verunglückten drehte. Eine verdrängte Onaniephantasie, nichts weiter.

Die Onanie ist mit dem Tode bedroht;

Die Angst der Onanie frisst sich tief in die menschliche Seele ein.

Mit anderen Worten, Tod und Liebe sind gleich. Sie wissen, der Grieche gab dem Eros dieselben Züge wie dem Tod, gab dem einen die erhobene, erigierte, lebendige, dem anderen die gesenkte, erschlaffte, tote Fackel in die Hand,

..denn Himmel und Hölle sind abgeleitet vom Sterben des Mannes in der Umarmung, vom Austreten seiner Seele in den Schoß des Weibes, entweder mit der Hoffnung auf eine Auferstehung nach drei mal drei Monaten im Kind oder mit der Angst vor ungelöschten Feuern der Begierde.

 

17.

„Was ist Wahrheit?“

Schwindel

..dass jeder Schwindelanfall eine Warnung des Es ist: „Gib acht, sonst fällst du.“

..dass es zwei Arten des Fallens gibt, ein reales Fallen des Körpers und ein moralisches Fallen, dessen Wesen in der Erzählung vom Sündenfall geschildert wird. Das Es scheint außerstande, beide Arten scharf zu voneinander zu trennen,

Der Schwindelanfall bedeutet also stets eine Warnung nach beiden Seiten,

 

Vorläufig möchte ich nur hervorheben, dass nicht ich einen Mordgedanken, einen Ehebruchswunsch, ein Ausmalen des Diebstahls, eine Onaniephantasie für Sünde halte, sondern das Es des betreffenden Menschen. Ich bin weder Pfarrer noch Richter, sondern Arzt. Gut und Böse gehen mich nichts an, ich habe nicht zu urteilen, sondern konstatiere nur,..

„Richtet nicht, auf dass Ihr nicht gerichtet werdet.“

..,dass ich auch das Richteramt über mich selbst abzulehnen versuche und meine Kranken dazu veranlasse, ebenfalls das Sich-selbst-Richten aufzugeben.

.. man mag sich noch so viel Mühe geben, das Richten zu lassen, es gelingt nie.

Der Mensch hat wie alles zwei Seiten. Bald kehrt er die eine heraus, bald die andere, da sind sie aber immer  alle beide.

 

Krankengeschichte

Ich komme damit auf das zu sprechen, was meine Gesinnungsgenossen in Freud den Familienroman nennen. Sie werden sich der Zeiten ihrer Kindheit erinnern, wo Sie sich lebhaft in Spiel und Nachdenken mir der Phantasie beschäftigten, dass Sie Ihren echten Eltern, Leuten hohen Ranges, von Zigeunern gestohlen, dass Vater und Mutter, bei denen Sie wohnten, nur Pflegeeltern seien. Solche und ähnliche Gedanken hegt jedes Kind. Es sind im Grunde nur verdrängte Wünsche.

 

Struwwelpeter

..die Geschichte von Konrad, dem Daumenlutscher, eine Geschichte, die alte Sehnsüchte nach der Mutterbrust und quälende Erinnerungen an die Entwöhnung, diese unentrinnbare Kastration von der Mutter, weckt.

Denn .. letzten Endes ist alles, was man vom Es zu wissen glaubt, nur bedingt richtig, nur richtig in dem Moment, wo das Es in Wort, Gebärde, Symptom sich äußert. Schon im nächsten Moment ist die Wahrheit fort und nichts mehr zu finden, weder im Himmel noch auf Erden, noch zwischen Himmel und Erde.

 

18.

Onaniekomplexe

..weil die Onanie strafwürdig ist, weil sie mit Kastration bestraft wird und weil die Beschneidung eine symbolische Kastration ist.

Daß der Ritus der Beschneidung wirklich etwas mit der Kastration zu tun hat,.., weil seine Einführung mit dem Namen Abrahams in Verbindung gebracht ist.

Opfer Isaaks...

.., dass das Opfer des Sohnes ein Abschneiden des Penis, der ja im Symbol durch den Sohn vertreten wird, bedeutet.

.., daß  anstelle der Selbstkastration des Gottesdieners, die ihre Ausläufer in dem Keuschheitsgelübde der katholischen Priester hat, zu irgendeiner Zeit das Tieropfer getreten ist;

 

Die Beschneidung würde danach der symbolische Rest der gottesdienstlichen Entmannung sein.

.. dass die Erde ein Symbol der Mutter ist, also das Spielen damit einen Inzest im Gleichnis darstellt.

Rhythmus

Es scheint, dass das Es im Rhythmus sich ebenso äußert wie im Symbol, dass er eine unbedingte Eigenschaft des Es ist,

Die Ferse steht für  jedweden von Kindheit an in unbewusster Beziehung zum Gebären,

Geschichte vom Sündenfall

Die Schlange ist ein uraltes, überall wiederkehrendes Phallussymbol,; ihr Biß vergiftet, macht schwanger. Die Frucht, die Eva reicht, die übrigens bezeichnenderweise stets als Apfel, als Frucht der Liebesgöttin, aufgefasst worden ist, obwohl in der Bibel das Wort Apfel nicht steht, diese Frucht, die schön anzuschauen und gut zu essen ist, entspricht der Brust, dem Hoden, der Hinterbacke.

Der Beischlaf ist ein Tod, der Tod am Weib, eine Vorstellung, die sich durch die Geschichte der Jahrtausende hinzieht.

Dabei klingt wieder das Motiv der Onanie in dem Automobilsignal an; ist das Auto doch ein bekanntes Sinnbild der Selbstbefriedigung; wenn es nicht gar seine Erfindung dem Onanietrieb verdankt.

Die Toten haben immer recht, heißt es im Sprichwort, im Grunde haben sie immer unrecht. Und wenn man ein wenig nachforscht, kommt man dahinter, dass die ganze Trauerei eitel Angst ist, Gespensterfurcht, die auf derselben ethischen Höhe steht wie die Sitte, den Toten mit den Füßen zuerst aus dem Haus zu tragen: Er soll nicht wiederkehren. Wir haben die Empfindung, dass der Geist des Toten in der Nähe der Leiche weilt. Man muß weinen, sonst beleidigt man das Gespenst, und Gespenster sind rachsüchtig. Liegt der Körper erst tief unter der Erde, so kann das Gespenst nicht mehr hervor. Zur größeren Sicherheit wird ihm ein schwerer Stein auf die Brust gewälzt; die Redensart von dem Stein, der einem auf die Brust drückt, beweist, wie überzeugt auch wir Modernen von dem Weiterleben des Toten im Grab sind;

 

19.

Es gibt Leute, die sprechen vom Tier im Menschen, und unter Menschsein verstehen sie, was sie edel nennen was aber bei näherem Zusehen recht unedel wird, den Verstand zum Beispiel oder die Kunst oder die Religion, kurz, alles, was sie auf irgendwelche Gründe hin in das Gehirn oder Herz verlegen, oberhalb des Zwerchfells, und tierisch nennen sie alles, was im Bauch vor sich geht, vor allem was zwischen den Beinen ist, Geschlechtsteil und After.

..daß Pupille Kindchen bedeutet, dass also das Auge Symbol des Weibes ist, weil man sich im Auge klein widergespiegelt sieht?

Das kleine Mädchen spielt mit der Puppe, der Knabe braucht es nicht, er trägt sein Püppchen am Leib.

Die Nase ist das Symbol seines Gliedes, ich sagte es schon und das Zeigen des Schnurrbartes soll die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass vor uns ein geschlechtsreifer Mann sitzt, der die Schamhaare besitzt; der Mund aber ist das Symbol des Weibes

Oder das Brilletragen: Man will besser sehen, aber man will nicht gesehen werden.

Erst kann ich ein wenig von den Früchten erzählen.

Pflaume: sie birgt den Kern, das Kind in sich, und ihre leicht angedeutete Spaltung verrät den Weibescharakter.

Himbeere: sieht sie nicht der Brustwarze ähnlich?

Erdbeere: sie wächst tief verborgen zwischen dem Grün des Grases, und Sie müssen suchen, ehe Sie dies holde Geheimnis im Versteck des Weibes finden. Aber hüten Sie sich vor ihr. Die Wonne des Kitzlers frisst sich immer tiefer in das Wesen des Menschen ein, wird heiß ersehnt und doch als Schuld geflohen, und dann entsteht die Nesselsucht, die symbolisch das Gefühl  widerwärtig und quälend verhundertfacht.

Kirsche: Sie finden sie an den Brüsten, aber auch der Mann trägt sie an seinem Baum, wie den alle Symbole doppelgeschlechtlich sind.

 

 

20.

Geruchseindruck
 

Dort, wo die Einfälle aufhören, ist die  Lösung des Rätsels

.. dass das Kind zunächst die Beine des Menschen kennen und lieben lernt;

Es ist die Bestimmung der Mutter, ihr eigenes Kind in den tiefsten Empfindungen zu verletzen, es ist ihr Schicksal.

Man vergisst, was schwer zu ertragen ist, und was man nicht vergißt, war für uns nicht schwer. 

..,weil wir als Kinder den weiblichen Geschlechtsteil als Kastrationswunde auffassen;

..das Verbot des Geschlechtsverkehrs während der Periode aufzubauen. Da das blutende Weib den verdrängten Kastrationskomplex aufweckt, vermeiden wir die neue Berührung der wunden Frau.
 

..daß das Verdrängen die hauptsächliche Beschäftigung des Lebens ist.
 

Verdrängen ist Umschaffen, ist kulturbauend und kulturvernichtend, erdichtete die Bibel und das Märchen vom Storch.

 

21.

..Geruchsempfindungen bei der Geburt..

 

.. es ist nun einmal Schicksal des Menschen, dass er sich schämt, menschlich gezeugt und geboren zu sein.

.. bis er in Glauben an die Jungfrau Maria und die unbefleckte Empfängnis oder irgendwelcher Wissenschaft Trost gefunden hat.

Er nennt verächtlich Zeugung und Empfängnis tierische Akte, um sagen zu können, ich bin kein Tier, ich habe keine  tierische Formen, bin also Gottes Kind und göttlich gezeugt; da das nicht gelingt, umgibt er diese Vorgänge mit dem Scheinheiligenschrein des Mysteriums, zu dessen Konstruktion er wie Judas seine Liebe verraten muß.

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23.

Die Tränen, die geweint werden, sind nicht nur Trauer und Schmerz geweiht, sie ahmen die Perle nach, die tief in der Muschel ruht, in der Perlmuttermuschel des Weibes, und jedes Weinen ist voll symbolischer Wollust.

 

Eros benutzt das Auge zu seinen Diensten, es muß ihm Bilder geben, die ihm gefallen. Und wenn ihrer zu viele wurden, wäscht er sie ab; er lässt das Auge überquellen, weil die innere Spannung zu groß wurde, um auf dem Weg der genitalen Absonderung gelöst zu werden.

 

..daß das Kind unter dem Assoziationszwang des Kastrationskomplexes annimmt, alle Menschen seien mit einem Schwänzchen ausgestattet, seien männlichen Geschlechts, und was Frau und Mädchen genannt werde, seien kastrierte, verschnittene Männer, verschnitten zum Zweck des Kinderkriegens und zur Strafe für die Onanie.

 

Der Vater schneidet die Geschlechtsteile ab und gibt sie ihr zu essen, Und daraus werden die Kinder.

 

So wechseln Sehnsucht und Angst, und das Kind wird langsam ein Mensch, schwankend zwischen Trieb und Moral, Begierde und Furcht.

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© :  Dr.Johann Müller, Tempelhofer Damm 179, 12099 Berlin                                                                                       

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zuletzt bearbeitet - last updated: 20.01.2007