Dr. Johann Müller, Augenarzt
Ansprache von Bundespräsident Roman Herzog
im
Hotel Adlon am 26. April 1997
Aufbruch
ins 21. Jahrhundert
Ich freue mich, heute abend im Hotel Adlon zu Ihnen zu
sprechen. Vor 90 Jahren wurde das alte Adlon von Kaiser Wilhelm II.
eingeweiht. Ich für meinen Teil weihe heute nicht ein, sondern ich bin eine Art
republikanischer Vorkoster, der sich allerdings nicht weniger darüber freut, daß
dieses Traditionshaus an alter Stelle wieder entsteht.
Das neue Adlon steht in gewisser Weise auch für das neue Berlin: Gebaut ist es
an einer Stelle, an der über Jahrzehnte die Wunden des Krieges klafften: am
Pariser Platz, wo während der Zeit der DDR das gespenstisch leere Sichtfeld auf
das unerreichbare Brandenburger Tor gähnte. Heute werden in Berlins Mitte, der
größten Baustelle Europas, die Konturen der neuen deutschen Hauptstadt
sichtbar.
In Berlin wird Zukunft gestaltet. Nirgendwo sonst in unserem Land entsteht
soviel Neues. Hier spürt man: Wir können etwas gestalten, ja sogar etwas verändern.
Einen neuen Aufbruch schaffen, wie ihn nicht nur Berlin, sondern unser ganzes
Land braucht. Ich wünsche mir, daß von dieser Berlin-Erfahrung Impulse auf
ganz Deutschland ausgehen. Denn was im Laboratorium Berlin nicht gelingt, das
wird auch in ganz Deutschland nicht gelingen.
Ich komme gerade aus Asien zurück. In vielen Ländern dort herrscht eine
unglaubliche Dynamik. Staaten, die noch vor kurzem als Entwicklungsländer
galten, werden sich innerhalb einer einzigen Generation in den Kreis der führenden
Industriestaaten des 21. Jahrhunderts katapultieren. Kühne
Zukunftsvisionen werden dort entworfen und umgesetzt, und sie beflügeln die
Menschen zu immer neuen Leistungen.
Was sehe ich dagegen in Deutschland? Hier herrscht ganz überwiegend
Mutlosigkeit, Krisenszenarien werden gepflegt. Ein Gefühl der Lähmung liegt über
unserer Gesellschaft.
Dabei stehen wir wirtschaftlich und gesellschaftlich vor den größten
Herausforderungen seit 50 Jahren: 4,3 Millionen Arbeitslose, die Erosion
der Sozialversicherung durch eine auf dem Kopf stehende Alterspyramide, die
wirtschaftliche, technische und politische Herausforderung der Globalisierung.
Lassen wir uns nicht täuschen: Wer immer noch glaubt, das alles gehe ihn nichts
an, weil es ihm selbst noch relativ gut geht, der steckt den Kopf in den Sand.
Ich will heute abend kein Blatt vor den Mund nehmen, sondern die Probleme beim
Namen nennen.
Was ist los mit unserem Land? Im Klartext: Der Verlust wirtschaftlicher
Dynamik, die Erstarrung der Gesellschaft, eine unglaubliche mentale Depression
- das sind die Stichworte der Krise. Sie bilden einen allgegenwärtigen
Dreiklang, aber einen Dreiklang in Moll.
In der Tat: Verglichen mit den Staaten in Asien oder - seit einigen Jahren
wieder - auch den USA ist das Wachstum der deutschen Wirtschaft ohne
Schwung. Und: In Amerika und Asien werden die Produktzyklen immer kürzer, das
Tempo der Veränderung immer größer. Es geht auch nicht nur um technische
Innovation und um die Fähigkeit, Forschungsergebnisse schneller in neue
Produkte umzusetzen. Es geht um nichts Geringeres als um eine neue industrielle
Revolution, um die Entwicklung zu einer neuen, globalen Gesellschaft des
Informationszeitalters. Der Vergleich mit Amerika und seinem leergefegten
Arbeitsmarkt zeigt: Deutschland droht tatsächlich zurückzufallen.
Wer Initiative zeigt, wer vor allem neue Wege gehen will, droht unter einem Wust
von wohlmeinenden Vorschriften zu ersticken. Um deutsche Regulierungswut
kennenzulernen, reicht schon der Versuch, ein simples Einfamilienhaus zu bauen.
Kein Wunder, daß es - trotz ähnlicher Löhne - soviel billiger ist,
das gleiche Haus in Holland zu bauen.
Und dieser Bürokratismus trifft nicht nur den kleinen Häuslebauer. Er trifft
auch die großen und kleinen Unternehmer und er trifft ganz besonders den, der
auf die verwegene Idee kommt, in Deutschland ein Unternehmen zu gründen. Bill
Gates fing in einer Garage an und hatte als junger Mann schon ein
Weltunternehmen. Manche sagen mit bitterem Spott, daß sein Garagenbetrieb bei
uns schon an der Gewerbeaufsicht gescheitert wäre.
Und der Verlust der wirtschaftlichen Dynamik geht Hand in Hand mit der
Erstarrung unserer Gesellschaft.
Die Menschen bei uns spüren, daß die gewohnten Zuwächse ausbleiben, und sie
reagieren darauf verständlicherweise mit Verunsicherung. Zum ersten Mal werden
auch diejenigen, die bisher noch nie von Arbeitslosigkeit bedroht waren, von
Existenzangst für sich und ihre Familien geplagt. Das amerikanische
Nachrichtenmagazin "Newsweek" sprach schon von der "deutschen
Krankheit". Das ist gewiß übertrieben. Aber so viel ist doch richtig: wer
heute in unsere Medien schaut, der gewinnt den Eindruck, daß Pessimismus das
allgemeine Lebensgefühl bei uns geworden ist.
Das ist ungeheuer gefährlich; denn nur zu leicht verführt Angst zu dem Reflex,
alles Bestehende erhalten zu wollen, koste es was es wolle. Eine von Ängsten
erfüllte Gesellschaft wird unfähig zu Reformen und damit zur Gestaltung der
Zukunft. Angst lähmt den Erfindergeist, den Mut zur Selbständigkeit, die
Hoffnung, mit den Problemen fertigzuwerden. Unser deutsches Wort
"Angst" ist bereits als Symbol unserer Befindlichkeit in den
Sprachschatz der Amerikaner und Franzosen eingeflossen. "Mut" oder
"Selbstvertrauen" scheinen dagegen aus der Mode gekommen zu sein.
Unser
eigentliches Problem ist also ein mentales: Es ist ja nicht so, als ob wir nicht
wüßten, daß wir Wirtschaft und Gesellschaft dringend modernisieren müssen.
Trotzdem geht es nur mit quälender Langsamkeit voran. Uns fehlt der Schwung zur
Erneuerung, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, eingefahrene Wege zu
verlassen, Neues zu wagen. Ich behaupte: Wir haben kein Erkenntnisproblem,
sondern ein Umsetzungsproblem. Während die Auswirkungen des technischen
Wandels auf dem Arbeitsmarkt und die Folgen der Demographie für die sozialen
Netze auch andere Industrieländer, etwa Japan, heimsuchen, gibt es für den
Modernisierungsstau in Deutschland keine mildernden Umstände. Er ist
hausgemacht, und wir haben ihn uns selbst zuzurechnen.
Dabei leisten wir uns auch noch den Luxus, so zu tun, als hätten wir zur
Erneuerung beliebig viel Zeit: Ob Steuern, Renten, Gesundheit, Bildung, selbst
der Euro - zu hören sind vor allem die Stimmen der Interessengruppen und
Bedenkenträger. Wer die großen Reformen verschiebt oder verhindern will, muß
aber wissen, daß unser Volk insgesamt dafür einen hohen Preis zahlen wird. Ich
warne alle, die es angeht, eine dieser Reformen aus wahltaktischen Gründen zu
verzögern oder gar scheitern zu lassen. Den Preis dafür zahlen vor allem die
Arbeitslosen.
Alle politischen Parteien und alle gesellschaftlichen Kräfte beklagen übereinstimmend
das große Problem der hohen Arbeitslosigkeit. Wenn sie wirklich meinen, was sie
sagen, erwarte ich, daß sie jetzt schnell und entschieden handeln! Ich rufe auf
zu mehr Entschlossenheit! Eine Selbstblockade der politischen Institutionen können
wir uns nicht leisten.
Innovationsfähigkeit fängt im Kopf an, bei unserer Einstellung zu neuen
Techniken, zu neuen Arbeits- und Ausbildungsformen, bei unserer Haltung zur Veränderung
schlechthin. Ich meine sogar: Die mentale und die intellektuelle Verfassung des
Standorts Deutschland ist heute schon wichtiger als der Rang des Finanzstandorts
oder die Höhe der Lohnnebenkosten. Die Fähigkeit zur Innovation entscheidet über
unser Schicksal. 20 Jahre haben wir gebraucht, um den Ladenschluß zu
reformieren. Die zentralen Herausforderungen unserer Zeit werden wir mit diesem
Tempo ganz gewiß nicht bewältigen. Wer 100 Meter Anlauf nimmt, um dann
zwei Meter weit zu springen, der braucht gar nicht anzutreten.
Allzuoft wird versucht, dem Zwang zu Veränderungen auszuweichen, indem man
einfach nach dem Staat ruft; dieser Ruf ist schon fast zum allgemeinen Reflex
geworden. Je höher aber die Erwartungen an den Staat wachsen, desto leichter
werden sie auch enttäuscht; nicht nur wegen knapper Kassen. Der Staat und seine
Organe sind der Komplexität des modernen Lebens - mit all seinen Grenz-
und Sonderfällen - oft einfach nicht gewachsen und sie können es auch gar
nicht sein.
Der Staat leidet heute besonders unter dem Mythos der Unerschöpflichkeit seiner
Ressourcen. Man könnte das auch so sagen: Die Bürger überfordern den Staat,
der Staat seinerseits überfordert die Bürger. Je höher die Steuerlast, desto
höher die Erwartungen an den Staat. Dem bleibt dann nichts anderes übrig, als
sich weiter zu verschulden oder erneut die Steuern zu erhöhen. Bei überhöhter
Verschuldung bleibt nur noch die Roßkur der Haushaltssanierung mit
schmerzhaften konjunkturellen Folgen. Ein Teufelskreis!
Mit dem rituellen Ruf nach dem Staat geht ein - wie ich finde - gefährlicher
Verlust an Gemeinsinn einher. Wer hohe Steuern zahlt, meint allzuleicht, damit
seine Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft abschließend erfüllt zu
haben. Vorteilssuche des Einzelnen zu Lasten der Gemeinschaft ist geradezu ein
Volkssport geworden. Wie weit sind wir gekommen, wenn derjenige als clever gilt,
der das soziale Netz am besten für sich auszunutzen weiß, der Steuern am
geschicktesten hinterzieht oder der Subventionen am intelligentesten abzockt?
Und jeder rechtfertigt sein Verhalten mit dem Hinweis auf die anderen, die es - angeblich -
ja auch so machen.
Führen wir angesichts dieser Probleme überhaupt noch die richtigen Debatten?
Ich will ganz unten ansetzen: Die Welt um uns herum ist hochkompliziert
geworden, der Bedarf an differenzierten Antworten wird infolgedessen immer größer.
Aber gerade bei den Themen, die am heftigsten diskutiert werden, ist der
Informationsstand des Bürgers erschreckend gering. Umfragen belegen, daß nur
eine Minderheit weiß, um was es bei den großen Reformen derzeit eigentlich
geht. Das ist ein Armutszeugnis für alle Beteiligten: die Politiker, die sich
allzuleicht an Detailfragen festhaken und die großen Linien nicht aufzeigen,
die Medien, denen billige Schlagzeilen oft wichtiger sind als saubere
Information, die Fachleute, die sich oft zu gut dafür sind, in klaren Sätzen
zu sagen, "was Sache ist".
Statt dessen gefallen wir uns in Angstszenarien. Kaum eine neue Entdeckung, bei
der nicht zuerst nach den Risiken und Gefahren, keineswegs aber nach den Chancen
gefragt wird. Kaum eine Anstrengung zur Reform, die nicht sofort als
"Anschlag auf den Sozialstaat" unter Verdacht gerät. Ob Kernkraft,
Gentechnik oder Digitalisierung: Wir leiden darunter, daß die Diskussionen bei
uns bis zur Unkenntlichkeit verzerrt werden - teils ideologisiert, teils einfach
"idiotisiert". Solche Debatten führen nicht mehr zu Entscheidungen,
sondern sie münden in Rituale, die immer wieder nach dem gleichen Muster
ablaufen, nach einer Art Sieben-Stufen-Programm:
1.
Am Anfang steht ein Vorschlag, der irgendeiner Interessengruppe Opfer
abverlangen würde.
2.
Die Medien melden eine Welle "kollektiver Empörung.
3.
Spätestens jetzt springen die politischen Parteien auf das Thema auf,
die einen dafür, die anderen dagegen.
4.
Die nächste Phase produziert ein Wirrwarr von Alternativvorschlägen und
Aktionismen aller Art, bis hin zu Massendemonstrationen,
Unterschriftensammlungen und zweifelhaften Blitzumfragen.
5.
Es folgt allgemeine Unübersichtlichkeit, die Bürger werden
verunsichert.
6.
Nunmehr erschallen von allen Seiten Appelle zur "Besonnenheit".
7.
Am Ende steht meist die Vertagung des Problems. Der Status quo setzt sich
durch. Alle warten auf das nächste Thema.
Diese
Rituale könnten belustigend wirken, wenn sie nicht die Fähigkeit, zu
Entscheidungen zu kommen, gefährlich lähmen
würden. Wir streiten uns um die unwichtigen Dinge, um den wichtigen nicht ins
Auge sehen zu müssen. Erinnert man sich heute noch an den Streit über die
Volkszählung, der vor ein paar Jahren die ganze Nation in Wallung brachte?
Scheinsachverständige mit Doktortitel äußern sich zu beliebigen Themen,
Hauptsache, es wird kräftig schwarzgemalt und Angst gemacht. Wissenschaftliche
und politische Scheingefechte werden so lange geführt, bis der Bürger restlos
verwirrt ist; ohnehin wird die Qualität der Argumente dabei oft durch verbale Härte,
durch Kampfbegriffe und "Schlagabtausche" ersetzt. Und das in einer
Zeit, in der die Menschen durch die großen Umbrüche ohnehin verunsichert sind;
in einer Zeit, in der der Verlust von eigenem Erfahrungswissen durch äußere
Orientierung ersetzt werden müßte. Ich mahne zu mehr Zurückhaltung: Worte können
verletzen und Gemeinschaft zerstören. Das können wir uns nicht auf Dauer
leisten, schon gar nicht in einer Zeit, in der wir mehr denn je auf Gemeinschaft
angewiesen sind.
Können unsere Eliten über die dogmatischen Schützengräben hinweg überhaupt
noch Entscheidungen treffen? Wer bestimmt überhaupt noch den Gang der
Gesellschaft: diejenigen, die die demokratische Legitimation dazu haben, oder
jene, denen es gelingt, die Öffentlichkeit für ihr Thema am besten zu
mobilisieren? Interessenvertretung ist sicher legitim. Aber erleben wir nicht
immer wieder, daß einzelne Gruppen durch die kompromißlose Verteidigung ihrer
Sonderinteressen längst überfällige Entscheidungen blockieren können? Ich
mahne zu mehr Verantwortung!
In Amerika hat man Interessengruppen, die durch die Mobilisierung der öffentlichen
Meinung ihre Sonderinteressen verfechten, "Veto-Gruppen" genannt,
wahrlich eine treffende Bezeichnung. Sie führen dazu, daß über Probleme nur
noch geredet, aber nicht mehr gehandelt wird. Die Parole heißt dann:
Durchwursteln, unter angestrengter Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner.
Folge ist der Verlust der großen Perspektive.
Ich vermisse bei unseren Eliten in Politik, Wirtschaft, Medien und
gesellschaftlichen Gruppen die Fähigkeit und den Willen, das als richtig
Erkannte auch durchzustehen. Es kann ja sein, daß einem einmal der Wind der öffentlichen
Meinung ins Gesicht bläst. Unser Land befindet sich aber in einer Lage, in der
wir es uns nicht mehr leisten können, immer nur den Weg des geringsten
Widerstands zu gehen.
Ich glaube sogar: In Zeiten existentieller Herausforderung wird nur der
gewinnen, der wirklich zu führen bereit ist, dem es um Überzeugung geht und
nicht um politische, wirtschaftliche oder mediale Macht - ihren Erhalt oder auch
ihren Gewinn. Wir sollten die Vernunft- und Einsichtsfähigkeit der Bürger
nicht unterschätzen. Wenn es um die großen Fragen geht, honorieren sie einen
klaren Kurs. Unsere Eliten dürfen den notwendigen Reformen nicht
hinterherlaufen, sie müssen an ihrer Spitze stehen!
Eliten müssen sich durch Leistung, Entscheidungswillen und ihre Rolle als
Vorbild rechtfertigen. Ich erwarte auch eine klare Sprache! Wer - wo auch
immer - führt, muß den Menschen, die ihm anvertraut sind, reinen Wein
einschenken, auch wenn das unangenehm ist. Ich mache den 35jährigen
Kohlekumpeln, die in Bonn für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes demonstriert
haben, keinen Vorwurf. Ich weiß, daß den Bergleuten jetzt viel abverlangt
wird, und ich fühle mit ihnen. Mein Vorwurf gilt aber denjenigen, die vor
zwanzig Jahren die damals 15jährigen ermutigt haben, diesen Beruf zu ergreifen,
indem sie ihnen wider besseres Wissen erzählt haben, er habe uneingeschränkt
eine Zukunft.
Die einfache Wahrheit ist heute doch: Niemand darf sich darauf einrichten, in
seinem Leben nur einen Beruf zu haben. Ich rufe auf zu mehr Flexibilität! In
der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts werden wir alle lebenslang
lernen, neue Techniken und Fertigkeiten erwerben und uns an den Gedanken gewöhnen
müssen, später einmal in zwei, drei oder sogar vier verschiedenen Berufen zu
arbeiten.
Das Problempanorama ließe sich beliebig vervollständigen. Aber ich habe vorhin
gesagt, es fehlt uns nicht an Analysen, sondern am Handeln. Deshalb will ich
mich jetzt der Frage zuwenden: Was muß geschehen?
Ich meine, wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag zugunsten der Zukunft.
Alle, wirklich alle Besitzstände müssen auf den Prüfstand. Alle müssen sich
bewegen. Wer nur etwas vom anderen fordert - je nach Standort von den
Arbeitgebern, den Gewerkschaften, dem Staat, den Parteien, der Regierung, der
Opposition -, der bewegt gar nichts.
Zuerst müssen wir uns darüber klar werden, in welcher Gesellschaft wir im 21. Jahrhundert
leben wollen. Wir brauchen wieder eine Vision. Visionen sind nichts
anderes als Strategien des Handelns. Das ist es, was sie von Utopien
unterscheidet.
Visionen können ungeahnte Kräfte mobilisieren: Ich erinnere nur an die Vitalität
des "American Dream", an die Vision der Perestroika, an die Kraft der
Freiheitsidee im Herbst 1989 in Deutschland.
Auch die Westdeutschen hatten einmal eine Vision, die sie aus den Trümmern des
Zweiten Weltkrieges emporführte: die Vision der sozialen Marktwirtschaft, die
Wohlstand für alle versprach und dieses Versprechen gehalten hat. Die Vision,
das im Krieg geschlagene und moralisch diskreditierte Deutschland in die
Gemeinschaft demokratischer Staaten und nach Europa zurückzuführen. Und schließlich
die Vision der Vereinigung des geteilten Deutschlands.
Niemand darf von mir Patentrezepte erwarten. Aber wenn ich versuche, mir
Deutschland im Jahre 2020 vorzustellen, dann denke ich an ein Land, das sich von
dem heutigen doch wesentlich unterscheidet.
Erstens: Wäre es nicht ein Ziel, eine Gesellschaft der Selbständigkeit
anzustreben, in der der Einzelne mehr Verantwortung für sich und andere trägt,
und in der er das nicht als Last, sondern als Chance begreift? Eine
Gesellschaft, in der nicht alles vorgegeben ist, die Spielräume öffnet, in der
auch dem, der Fehler macht, eine zweite Chance eingeräumt wird. Eine
Gesellschaft, in der Freiheit der zentrale Wert ist und in der Freiheit sich
nicht nur durch die Chance auf materielle Zuwächse begründet.
Zweitens: Wäre es nicht ein Ziel, eine Gesellschaft anzustreben, die
nicht mehr wie heute strikt in Arbeitsplatzbesitzer und Menschen ohne Arbeit
geteilt ist? Arbeit wird in Zukunft anders sein als heute: Neue, wissensgestützte
Berufe werden unqualifizierte Jobs verdrängen und es wird mehr Dienstleistungen
als industrielle Arbeit geben. Statt Lebensarbeitsplätzen wird es mehr Mobilität
und mehr Flexibilität geben, auch zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und
Familie. Arbeit dient nicht nur dem Lebensunterhalt, Arbeit kann und soll auch
Freude machen und Stolz vermitteln. Niemandem, der sich mit voller Kraft
engagiert, darf deswegen ein schlechtes Gewissen eingeredet werden.
Drittens: Wäre es nicht ein Ziel, eine Gesellschaft der Solidarität
anzustreben - nicht im Sinne der Maximierung von Sozialtransfers, sondern im
Vertrauen auf das verantwortliche Handeln jedes Einzelnen für sich selbst und
die Gemeinschaft? Solidarität ist Hilfe für den, dem die Kraft fehlt, für
sich selbst einzustehen. Solidarität heißt aber auch Rücksicht auf die
kommenden Generationen.
Viertens: Ich erwarte eine Informations- und Wissensgesellschaft. Das ist
die Vision einer Gesellschaft, die jedem die Chance einräumt, an der
Wissensrevolution unserer Zeit teilzuhaben. Das heißt: bereit zum lebenslangen
Lernen zu sein, den Willen zu haben, im weltweiten Wettbewerb um Wissen in der
ersten Liga mitzuspielen. Dazu gehört vor allem auch ein aufgeklärter Umgang
mit Technik.
Fünftens: Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die die europäische
Einigung nicht als Technik des Zusammenlebens versteht, sondern die Europa als
Teil ihrer politischen und kulturellen Identität empfindet und bereit ist,
diese in der bunter werdenden Welt zu bewahren und zu bewähren.
Sechstens: Ich wünsche mir deshalb eine Gesellschaft, die die
internationale Verantwortung Deutschlands annimmt und sich für eine Weltordnung
einsetzt, in der die Unterschiedlichkeit der Kulturen nicht neue Konflikt- und
Kampflinien schafft. Auch im Inneren muß eine offene Gesellschaft entstehen,
eine Gesellschaft der Toleranz, die das Zusammenleben von Menschen
unterschiedlicher Kulturen möglich macht.
Wir brauchen aber nicht nur den Mut zu solchen Visionen, wir brauchen auch die
Kraft und die Bereitschaft, sie zu verwirklichen. Ich rufe auf zur inneren
Erneuerung! Vor uns liegt ein langer Weg der Reformen. Wir müssen heute mit dem
ersten Schritt beginnen.
Da sind zunächst die Reformen, über die wir schon viel zu lange reden:
- Beispiel Lohnnebenkosten:
Daß die Lohnnebenkosten zu hoch sind, weiß mittlerweile wirklich jeder. Wann
endlich werden die Kosten der Arbeit von versicherungsfremden Leistungen
befreit?
- Beispiel Arbeitsmarkt:
Wann finden Arbeitgeber und Gewerkschaften endlich die Kraft zu Abschlüssen,
die Neueinstellungen möglich machen?
- Beispiel Subventionen:
Statt Subventionen mutig zu kürzen, fallen uns immer wieder neue Vorschläge für
staatliche Leistungen ein. Dabei hat manches Förderprogramm längst seinen
guten Sinn verloren.
- Beispiel öffentliche Verwaltung:
Ich frage mich manchmal, ob mancherorts bei öffentlichen Baumaßnahmen ein
Wettlauf zwischen Ausbau und Rückbau stattfindet. Und überall gilt: die vielen
kleinen Fälle öffentlicher Verschwendung ergeben zusammen Milliardensummen. Wo
bleibt ein modernes Haushaltsrecht, das Sparen belohnt und Verschwendung
bestraft?
- Beispiel Deregulierung:
Ist es wirklich ein Naturgesetz, daß man in Deutschland bis zu 19 Behörden
fragen muß, wenn man einen Produktionsbetrieb errichten will, obwohl der neue
Arbeitsplätze schafft?
- Beispiel Arbeitslosigkeit bei den Niedriglohngruppen:
Alle wissen heute, daß Löhne und Sozialhilfeleistungen so weit auseinander
liegen müssen, daß es sich für den Einzelnen auch lohnt zu arbeiten. Dabei
geht es mir nicht um die vielzitierte Mutter mit vier oder fünf Kindern. Aber
warum ist es so schwierig, das Lohnabstandsgebot für die durchzusetzen, die
wirklich arbeiten könnten? Und sei es auch um den Preis öffentlicher Lohnzuschüsse,
die immer noch billiger wären als die vollen Sozialhilfeleistungen?
- Beispiel Krankenversicherung:
Warum finanzieren die Krankenkassen immer noch Erholungskuren, während auf der
anderen Seite das Geld für lebenserhaltende Operationen knapp wird? Ständig
steigende Beiträge sind hier gewiß kein Ausweg, denn sie gefährden Arbeitsplätze.
- Und schließlich Beispiel Steuerreform:
Dazu fällt mir nach der Entwicklung der letzten Tage überhaupt nichts mehr
ein.
Der Weg in die von mir skizzierte Gesellschaft beginnt mit dem Nachholen all der
Reformen, die bislang liegen geblieben sind. Wir müssen endlich die
Reform-Hausaufgaben machen, über die wir schon so lange reden.
Wir müssen aber ebenso schon heute den Blick darüber hinaus richten. Die
angesprochenen Reformen werden für sich allein genommen nicht ausreichen, die
Zukunft zu gewinnen.
Ich möchte dazu etwas grundsätzlicher werden.
Wir erleben heute, daß dem Menschen ein Zuwachs an Sicherheit durch staatliche
Vorsorge oft wichtiger ist als der damit einhergehende Verlust an Freiheit. Wir
fordern Freiheit - aber was ist, wenn die Bürger ihre Freiheit als kalt
empfinden und statt dessen auf die Geborgenheit staatlicher Für- und Vorsorge
setzen?
Diese Frage läßt sich nicht mit dem Federstrich eines Gesetzestextes
beantworten. Wir müssen also tiefer ansetzen: bei unserer Jugend, bei dem, was
wir mit unserem Erziehungs- und Bildungssystem vermitteln. Wir müssen unsere
Jugend auf die Freiheit vorbereiten, sie fähig machen, mit ihr umzugehen. Ich
ermutige zur Selbstverantwortung, damit unsere jungen Menschen Freiheit als
Gewinn und nicht als Last empfinden. Freiheit ist das Schwungrad für Dynamik
und Veränderung. Wenn es uns gelingt, das zu vermitteln, haben wir den Schlüssel
der Zukunft in der Hand. Ich bin überzeugt, daß die Idee der Freiheit die
Kraftquelle ist, nach der wir suchen und die uns helfen wird, den
Modernisierungsstau zu überwinden und unsere Wirtschaft und Gesellschaft zu
dynamisieren.
Deswegen gebe ich der Reform unseres Bildungssystems so hohe Priorität:
Bildung muß das Megathema unserer Gesellschaft werden. Wir brauchen einen neuen
Aufbruch in der Bildungspolitik, um in der kommenden Wissensgesellschaft
bestehen zu können.
Das ist nicht primär eine Frage des Geldes. Zuerst brauchen wir weniger
Selbstgefälligkeit: Wie kommt es, daß die leistungsfähigsten Nationen in der
Welt es schaffen, ihre Kinder die Schulen mit 17 und die Hochschulen mit 24
abschließen zu lassen? Es sind - wohlgemerkt - gerade diese Länder,
die auf dem Weltmarkt der Bildung am attraktivsten sind. Warum soll nicht auch
in Deutschland ein Abitur in zwölf Jahren zu machen sein? Für mich persönlich
sind die Jahre, die unseren jungen Leuten bisher verloren gehen, gestohlene
Lebenszeit.
Auch die Ausbildungsinhalte gehören auf den Prüfstand. Es geht in Zukunft noch
weniger als bisher nur um die Vermittlung von Wissen. Mit dem Tempo der
Informationsexplosion kann der Einzelne sowieso nicht mehr Schritt halten. Also
müssen wir die Menschen lehren, mit diesem Wissen umzugehen. Wissen vermehrt
sich immer schneller, zugleich veraltet es in noch nie da gewesenem Tempo. Wir
kommen gar nicht darum herum, lebenslang zu lernen. Es kann nicht das Ziel
universitärer Bildung sein, mit dreißig einen Doktortitel zu haben, dabei aber
keine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt. Unsere Hochschulen brauchen deshalb mehr
Selbstverwaltung. Ich ermutige zu mehr Wettbewerb und zu mehr Spitzenleistungen.
Ich weiß, daß solche Vorschläge schon lange auf dem Tisch liegen. Auch hier
ist das Tempo der Umsetzung das Problem. Wir dürfen nicht so tun, als könnten
wir die Schul- und Hochschulreform den Spezialisten überlassen. Es geht um eine
zentrale Aufgabe. Sie betrifft die Zukunft unserer Gesellschaft insgesamt.
Wenn ich von der Zukunft unserer Gesellschaft rede, spreche ich - wie schon
gesagt - zwangsläufig von der Jugend. Unsere Jugend ist das größte
Kapital, das wir haben. Wir müssen ihr nur Perspektiven geben. Dazu gehört
nicht nur, daß wir keine Schuldenpolitik zu ihren Lasten betreiben, mit der wir
ihr alle Spielräume verbauen.
Ich frage weiter: Warum gibt es so wenige Angebote für Jugendliche zu einem
freiwilligen sozialen Engagement? Es gibt sie doch wieder, die Jugendlichen, die
dazu bereit sind. Ich erlebe es in persönlichen Begegnungen, und ich sehe durch
die Umfragen bestätigt, daß wir längst eine Trendwende in diesem Land haben:
Die Pflichtwerte gewinnen wieder an Bedeutung gegenüber dem, was die Soziologen
so schön die "Selbstverwirklichungswerte" nennen. Man könnte
vermutlich auch einfach sagen: Egoismus allein ist nicht mehr "in",
gerade unsere Jugend ist wieder bereit, sich für die Gemeinschaft einzusetzen.
Wir müssen sie dann aber auch gewähren lassen, ihr Spielräume geben,
Erfahrungen jenseits der materiellen Werte zu gewinnen.
Wir müssen unserer Jugend zu mehr Selbständigkeit, zu mehr Bindungsfähigkeit,
zu mehr Unternehmensgeist und mehr Verantwortungsbereitschaft Mut machen. Wir
sollten ihr sagen: Ihr müßt etwas leisten, sonst fallt ihr zurück. Aber: Ihr
könnt auch etwas leisten. Es gibt genug Aufgaben in unserer Gesellschaft, an
denen junge Menschen ihre Verantwortung für sich und das Ganze beweisen können.
Wir Älteren aber müssen uns die Frage stellen: Was leben wir den jungen
Menschen vor? Welche Leitbilder geben wir ihnen? Das Leitbild des ewig
irritierten, ewig verzweifelten Versorgungsbürgers kann es doch wahrhaftig
nicht sein! Die Jungen beobachten uns Alte sehr genau. Wirklich überzeugen
werden wir sie nur, wenn wir ihnen unsere eigene Verantwortung glaubhaft
vorleben.
Und schließlich: Wir müssen von dem hohen Roß herunter, daß Lösungen für
unsere Probleme nur in Deutschland gefunden werden können. Der Blick auf den
eigenen Bauchnabel verrät nur wenig Neues. Jeder weiß, daß wir eine lernende
Gesellschaft sein müssen. Also müssen wir Teil einer lernenden
Weltgesellschaft werden, einer Gesellschaft, die rund um den Globus nach den
besten Ideen, den besten Lösungen sucht.
Die Globalisierung hat nicht nur einen Weltmarkt für Güter und Kapital,
sondern auch einen Weltmarkt der Ideen geschaffen, und dieser Markt steht auch
uns offen.
Die meisten traditionellen Industriestaaten standen oder stehen vor ähnlichen
Problemen wie wir. Eine ganze Reihe von ihnen hat aber bewiesen, daß diese
Probleme lösbar sind.
In Holland hat man
im Konsens mit den Tarifpartnern die Arbeitsbeziehungen flexibler gemacht.
Folge: die Arbeitslosigkeit ist in Holland drastisch gesunken.
In den USA hat eine
gezielte Strategie neuartiges Wachstum ausgelöst, das Millionen neue
Arbeitsplätze geschaffen hat. Ich weiß, hier kommt gleich das Argument, daß
nicht alles, was in Amerika geschieht, auf uns übertragbar ist und daß wir
amerikanische Verhältnisse bei uns auch gar nicht wollen.
Das ist sicher richtig, aber es darf uns nicht hindern, einmal genauer
hinzuschauen. Ich fordere auf, von anderen zu lernen, nicht sie zu kopieren!
Tatsache ist doch: die Mehrheit dieser Arbeitsplätze ist in Zukunftsindustrien
und Zukunftsdienstleistungen wie Telekommunikation, Computer, Software,
Finanzdienstleistungen entstanden. Das sind keine Billigjobs. Die Amerikaner
haben nicht versucht, den Wandel aufzuhalten, sondern sie haben sich an die
Spitze des Wandels gesetzt: Durch Förderung von Forschung und Technologie,
durch Deregulierung, durch den Aufbau einer Infrastruktur für das
Informationszeitalter. Sie haben das Potential der Durchbrüche in
Mikroelektronik und Biotechnologie zur Schaffung neuer Produkte genutzt, aus
denen ganz neue Industrien entstanden sind. Ein neues, wissensgestütztes
Wachstum wurde zur Quelle für Millionen neuer Arbeitsplätze.
Auch wir müssen rein in die Zukunftstechnologien, rein in die Biotechnik, die
Informationstechnologie. Ein großes, globales Rennen hat begonnen: die Weltmärkte
werden neu verteilt, ebenso die Chancen auf Wohlstand im 21. Jahrhundert. Wir müssen
jetzt eine Aufholjagd starten, bei der wir uns Technologie- und
Leistungsfeindlichkeit einfach nicht leisten können.
Die Aufgaben, vor denen wir stehen, sind gewaltig. Die Menschen fühlen sich
durch die Fülle der gleichzeitig notwendigen Veränderungen überlastet. Das
ist verständlich, denn der Nachholbedarf an Reformen hat sich bei uns geradezu
aufgestaut. Es wird Kraft und Anstrengung kosten, die Erneuerung voranzutreiben,
und es ist bereits viel Zeit verloren gegangen. Niemand darf aber vergessen: In
hochtechnisierten Gesellschaften ist permanente Innovation eine Daueraufgabe!
Die Welt ist im Aufbruch, sie wartet nicht auf Deutschland.
Aber es ist auch noch nicht zu spät. Durch Deutschland muß ein Ruck gehen. Wir
müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Alle sind
angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen:
die Arbeitgeber,
indem sie Kosten nicht nur durch Entlassungen senken,
die Arbeitnehmer,
indem sie Arbeitszeit und -löhne mit der Lage ihrer Betriebe in Einklang
bringen,
die Gewerkschaften,
indem sie betriebsnahe Tarifabschlüsse und flexiblere Arbeitsbeziehungen
ermöglichen,
Bundestag und
Bundesrat, indem sie die großen Reformprojekte jetzt rasch voranbringen,
die
Interessengruppen in unserem Land, indem sie nicht zu Lasten des
Gemeininteresses wirken.
Die Bürger erwarten, daß jetzt gehandelt wird. Wenn alle die vor uns liegenden
Aufgaben als große, gemeinschaftliche Herausforderung begreifen, werden wir es
schaffen. Am Ende profitieren wir alle davon.
Gewiß: Vor uns liegen einige schwere Jahre. Aber wir haben auch gewaltige
Chancen: Wir haben mit die beste Infrastruktur in der Welt, wir haben gut
ausgebildete Menschen. Wir haben Knowhow, wir haben Kapital, wir haben einen großen
Markt. Wir haben im weltweiten Vergleich immer noch ein nahezu einmaliges Maß
an sozialer Sicherheit, an Freiheit und Gerechtigkeit. Unsere Rechtsordnung,
unsere soziale Marktwirtschaft haben sich andere Länder als "Modell
Deutschland" zum Vorbild genommen. Und vor allem: Überall in der Welt - nur
nicht bei uns selbst - ist man überzeugt, daß "die Deutschen"
es schaffen werden.
John F. Kennedy hat einmal gesagt: Unsere Probleme sind von Menschen gemacht,
darum können sie auch von Menschen gelöst werden. Ich sage: Das gilt auch für
uns Deutsche. Und ich glaube daran, daß die Deutschen ihre Probleme werden lösen
können. Ich glaube an ihre Tatkraft, ihren Gemeinschaftsgeist, ihre Fähigkeit,
Visionen zu verwirklichen. Wir haben es in unserer Geschichte immer wieder
gesehen: Die Deutschen haben die Kraft und den Leistungswillen, sich am eigenen
Schopf aus der Krise herauszuziehen - wenn sie es sich nur zutrauen.
Und wieder glaube ich an die jungen Leute. Natürlich kenne auch ich die
Umfragen, die uns sagen, daß Teile unserer Jugend beginnen, an der Lebens- und
Reformfähigkeit unseres "Systems" zu zweifeln. Ich sage ihnen aber:
wenn ihr schon "dem System" nicht mehr traut, dann traut euch doch
wenigstens selbst etwas zu!
Ich bin überzeugt:
Wir können wieder eine Spitzenposition einnehmen, in Wissenschaft und Technik,
bei der Erschließung neuer Märkte. Wir können eine Welle neuen Wachstums auslösen,
das neue Arbeitsplätze schafft.
Das Ergebnis dieser Anstrengung wird eine Gesellschaft im Aufbruch sein, voller
Zuversicht und Lebensfreude, eine Gesellschaft der Toleranz und des Engagements.
Wenn wir alle Fesseln abstreifen, wenn wir unser Potential voll zum Einsatz
bringen, dann können wir am Ende nicht nur die Arbeitslosigkeit halbieren, dann
können wir sogar die Vollbeschäftigung zurückgewinnen. Warum sollte bei uns
nicht möglich sein, was in Amerika und anderswo längst gelungen ist? Wir müssen
jetzt an die Arbeit gehen. Ich rufe auf zu mehr Selbstverantwortung. Ich setze
auf erneuerten Mut. Und ich vertraue auf unsere Gestaltungskraft. Glauben wir
wieder an uns selber. Die besten Jahre liegen noch vor uns.
© 2003 Dr.Johann Müller, Tempelhofer Damm 179, 12099 Berlin
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zuletzt bearbeitet - last updated: 08.07.03