Praxis Dres. Kresse & Müller, Augenärzte
medizin
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Die Angst
vor der Dunkelheit
Mein
Immunsystem läuft Amok und greift die Netzhaut an. Keine der bekannten
Therapien hilft. Um die drohende Erblindung abzuwenden, schlagen die Ärzte ein
riskantes Experiment vor: Antikörper sollen den Angriff stoppen. Ein
unfreiwilliger Report
Die Maus muss weg. Ihre Silhouette flimmerte am Morgenhimmel auf der Fahrt von Hamburg in Richtung Südwesten. Sie verdeckte die Buchseite. Nun funkelt sie vor der Fassade des Bettenhauses der Kölner Uniklinik. Bei jedem Blick ist sie zu sehen, sie hat ein großes Ohr, sie ist bösartig. Als dunkler Schatten hat sich der Nager auf die Netzhaut gebrannt. Wieder entzündet. Ein weiterer blinder Fleck, diesmal ganz nah an der Makula, der Sehgrube. Das ist die Stelle auf der Netzhaut, die liest, die fernsieht, Gesichter erkennt, die Nagelschere führt. Die blinde Maus soll verschwinden.
Zumindest darf sie
nicht wachsen. „Wir können Ihnen vielleicht die Infliximab-Infusion
anbieten“, hatte der Oberarzt Andreas Perniok am Telefon versprochen. „Wenn
Sie am laufenden Meter Rückfälle haben, machen wir das als individuellen
Heilversuch. Seien Sie Montag hier, richten Sie sich auf drei Tage ein,
sicherheitshalber.“
Okay. Jetzt bekomme ich
meinen Willen. Gegen die Maus im Auge werde ich Infliximab bekommen, einen künstlichen
Antikörper. Ein Präparat, das für meine Krankheit weder entwickelt wurde noch
für ihre Behandlung zugelassen ist. Ich wollte dies eine Medikament schon vor
einem Jahr. Aber kein Arzt wollte für einen solchen Schuss ins Blaue den Kopf
hinhalten. „Zu wenige Erfahrungswerte“, „experimentell, ja spekulativ“,
hatten die Augenärzte gewarnt, besser gesagt, den Versuch schlicht verweigert.
In Wahrheit ging es mir damals einfach noch zu gut.
Individueller
Heilversuch bedeutet: eine häufig mutige, oftmals letzte, meist aber
verzweifelte Intervention. Ohne Vorhersage, erst recht ohne Gewissheit, etwas
zum Lernen für die Ärzte, wie auch immer es ausgeht. „Wir geben Ihnen zunächst
vier Infusionen“, hatte Perniok, der Kölner Rheumatologe, gesagt, „je eine
in Woche null, Woche zwei und sechs, dann eine in Woche 14, danach sehen wir
weiter.“ Erst aber müssen die Kollegen in der benachbarten Uni-Augenklinik
feststellen, ob die Behandlung wirklich angezeigt ist. Oberarzt Brunner wartet
schon.
Nachdem der erste
blinde Fleck auf dem rechten Auge aufgetaucht war, nach unzähligen
Untersuchungen in Unikliniken, in Hamburg, Zürich, Heidelberg, Boston, mochte
erst Manfred Zierhut, der Netzhautexperte von der Tübinger Augenklinik, eine
einigermaßen klare Diagnose stellen: Pic-Syndrom (punctate inner
choroidopathy), eine Form der Uveitis, eine chronische Netzhautentzündung.
Bekannte Pic-Fälle weltweit: etwa fünfzig. „Die Ursache“, fragte ich (der
Augenprofessor guckt sparsam), „ich meine: Wie kriegt man so was ?“ – „Ähm,
primär idiopathisch.“ Bedeutet: Wir haben andauernd keine Ahnung. Erfahrungen
bei Verlauf und Therapie dementsprechend: mager bis nicht vorhanden.
Uveitis ist eine
Regenschirmdiagnose, darunter verbergen sich mindestens ein Dutzend
unterschiedliche Krankheiten. Von manchen, wie Pic, kennt die Medizin eigentlich
nur den Namen. Alle Varianten können zur Erblindung führen, und sie entstehen,
wenn das Auge unter eine Art friendly fire der Immunabwehr gerät. Jede
Entzündung der Netzhaut durch so eine fehlgeleitete Attacke hinterlässt einen
Schaden – einmal abgestorbene Sehzellen kann das menschliche Auge nicht
ersetzen. Es bleibt eine Narbe aus Bindegewebe, und die ist blind, für immer.
Etwa 27000
Uveitis-Kranke gibt es in Deutschland, und manchmal findet sich eine Infektion,
die das Leiden auslöst. Doch bei 75 Prozent von ihnen ist die eigentliche
Ursache komplett rätselhaft – sie gelten, wie ich auch, als Autoimmun-Kranke,
mangels besserer Erklärung, und weil man mit Pillen zur Dämpfung des
Immunsystems die akuten Entzündungsschübe im Auge meistens brechen kann.
„Autoimmun“ sind
viele schlimme Leiden, wie Multiple Sklerose, oder chronische Gelenkentzündung.
Stets ist die wahre Ursache ein Mysterium. Hinter dem Begriff des
Autoimmunleidens steht im Wesentlichen eine bestechende, aber weithin
unbewiesene Theorie. Die beste Bezeichnung für Autoimmunkrankheit ist Terra
incognita – nur durchkreuzt von ein paar medizinischen Trampelpfaden. Die
einzigen Medikamente gegen Netzhautentzündungen stammen aus der
Transplantationsmedizin und der Rheumatherapie. Hochwirksame und hochdosierte
Immunblocker wie Prednison (ein Kortisonpräparat), CyclosporinA, CellCept oder
das Zellgift Methotrexat. Heilen können die Präparate nicht, aber oft lässt
sich der Krankheitsverlauf mit ihnen einigermaßen unter Kontrolle halten.
Zuerst klappte das auch
bei mir. Später ging gar nichts mehr. Vor der ersten Reise nach Köln standen
auf meiner Pillenliste: 150 Milligramm Kortison plus 3000 Milligramm CellCept täglich,
dazu 25 Milligramm Methotrexat pro Woche – damit könnte man das Immunsystem
zweier Elefantenbullen in die Knie zwingen. Gegen mein marodierendes Immunsystem
reichte es nicht.
Und selbst wenn: Für
kurze Zeit sind Kortisonpräparate wunderbare Medikamente, sie wirken schnell
und effektiv. Bei Daueranwendung in hoher Dosis sind sie des Teufels. Man sieht
aus wie eine schwangere Kaulquappe, das Gesicht, der ganze Oberkörper schwillt
an. Fett sammelt sich kiloweise um die Hüften. Knochen und Muskeln werden
schwach. Der Kreislauf spielt verrückt. Ab 100 Milligramm täglich bricht das
Kurzzeitgedächtnis ein.
In der Augenklinik
spricht der Oberarzt Richard Brunner, nach der Untersuchung meiner Sehleistung
(Sehschärfe links 10, rechts 60 Prozent – böse!), nach dem Studium der Akte
und einem besorgten Blickwechsel mit seiner Kollegin Helen Ayertey, das Urteil:
„Therapie-refraktär.“ Das ist die schlechte Nachricht, aber die kannte ich
eigentlich schon. Die gute steht auf seinem Konsiliarbericht: „Infliximab-Infusion
ist indiziert.“
Was am nächsten Tag,
nach der Augenuntersuchung, nach einer Batterie von Blut- und Gentests, in meine
Vene sickern wird, kostet fast dreitausend Euro, ist, rein technologisch
betrachtet, ziemlich veraltet und trotzdem im Moment eines der heißesten
Medikamente gegen verschiedene chronische Entzündungskrankheiten. Der Stoff
kann vielleicht auch die Schattenmaus töten und meine Netzhäute retten.
Vielleicht. Bei Nichtstun werden sie verschmoren unter immer neuen Attacken
meiner eigenen Immunzellen.
Infliximab (Remicade)
ist ein biotechnisch produzierter Antikörper, ein künstlich geschneidertes
Mischmolekül aus Maus und Mensch. Das künstliche Immuneiweiß soll nun einen
Botenstoff in meinem Blut aus dem Verkehr ziehen: Tnf-alfa (Tumor-Nekrose-Faktor).
Der Stoff wird vom Körper selbst produziert – und er gilt als top dog
in einer komplizierten Kaskade von biochemischen Faktoren, die Entzündungen im
Körper starten. Wenn man Patienten mit chronischer Gelenk- (rheumatoider
Arthritis) oder Darmentzündung (Morbus Crohn) Infliximab infundiert, klammert
sich das künstliche Immuneiweiß an das Tnf, fischt es aus dem Blut, und die
Symptome verschwinden oder bessern sich selbst bei Schwerstkranken.
Immerhin, bekundet
Oberarzt Perniok, gebe es nun „gute Hinweise, dass Tnf-alfa auch bei
Netzhautentzündungen eine entscheidende Rolle spielt“. Na dann.
Es ist vier Uhr
nachmittags, da schiebt die Stationsärztin Christina Schumann den Galgen mit
der Infusionslösung ins Zimmer, sticht den Zugang in die linke Armvene. Draußen,
hinter dem riesigen Fenster im 10. Stock, geht die Sonne unter, und mir ist
mulmig. Immerhin weiß ich, Biologe, wenigstens theoretisch, was jetzt passieren
wird in meinem Blut, im Auge, mit meinen Immunzellen. Andererseits sind höchstens
hundert Uveitis-Kranke auf der ganzen Welt versuchsweise so behandelt worden.
Auch ich bin jetzt ein Experiment. Zwei Stunden lang rinnt mir die Kochsalzlösung
mit dem biotechnischen Immunmolekül ins Blut.
Solche therapeutischen
Antikörper sind inzwischen große Hoffnungsträger in der Pharmabranche und in
der Medizin. Aber das war nicht immer so. Noch vor fünfzehn Jahren wurden sie
überall als Komplettversager eingestuft. Dabei hatte es zuvor wirklich so
ausgesehen, als stünde eine echte Revolution in der Medizin unmittelbar bevor:
Der deutsche Immunologe Georges Köhler hatte 1975 ein Verfahren zur
Massenherstellung von Maus-Antikörpern entdeckt. Ebenso wie die menschliche
Immunverteidigung bilden auch die Nager Antikörper als Angriffswaffen gegen
Viren, Bakterien, Krebszellen oder Pilze.
Mit Köhlers Entdeckung
hatten die Therapeuten gleichsam über Nacht ein Mittel in die Hand bekommen,
mit dem sie identische Maus-Antikörper gegen einen bestimmten Krankheitserreger
in großen Mengen produzieren konnten. Sogar zur industriellen Herstellung von
solchen Immungeschossen gegen alle Arten von Krebszellen schien das Verfahren
geeignet – die Ärzte formierten sich schon zum Parademarsch.
Aber in der Medizin
gibt es keine Kantersiege. Köhler und seine Kollegen César Milstein und Niels
Jerne wurden 1984 mit dem Medizinnobelpreis belohnt – doch all die Hoffnungen
auf einen schnellen Triumph in den Brandherden der Medizin zerschellten da
gerade. Simon Moroney, Boss der Münchner Bio-Tech-Firma MorphoSys, hat Höhenflug
und Crash der Antikörper als junger Forscher selbst erlebt. „Es gab damals
zwei große klinische Versuche, beide spektakuläre Fehlschläge. Dann war das
Feld tot“, sagt er. „Niemand in der Pharmaindustrie hat sich mehr für Antikörper
interessiert.“
Fast niemand. Einige
Wissenschaftler, manche Firmen ließen nicht locker. Und nach zehn, fünfzehn
Jahren geduldiger, hartnäckiger Forschung begann die Renaissance der Immuneiweiße.
Spätestens als Genentech, Pionierfirma der Bio-Tech-Industrie, ein wirksames
Antikörper-Medikament gegen fortgeschrittenen Brustkrebs vorstellte, wurde auch
den letzten Kritikern klar, dass der Wind sich gedreht hatte. „Herceptin war
der Wendepunkt“, sagt Simon Moroney. Das Präparat enthält einen künstlichen
Antikörper, der an ein Oberflächenmolekül ankoppelt, das bei vielen Frauen in
großer Zahl auf den Krebszellen vorkommt. Heilen kann auch Herceptin nicht,
aber es kann das Leben verlängern.
Viele Schwerkranke
setzen nun ihre ganze Hoffnung in die einst gestrandeten Wirkstoffe. Mäuse und
ihre Immunmoleküle lassen die Pharmazeuten jetzt indessen möglichst beiseite
– mit neuen gentechnischen Verfahren wird das Elixir aus den Arsenalen der
menschlichen Immunverteidigung destilliert. Und es zeigt sich, dass Antikörper
zwar beileibe keine Wunderwaffen sind, aber die Sache funktioniert. Inzwischen
sind in Europa und den Vereinigten Staaten schon 17 solcher Präparate im
Einsatz. Und mehr als 200 neue Antikörper-Medikamente befinden sich in den
Pipelines der Pharmaunternehmen.
Der Reanimierung der
Antikörper verdankt Markus Enzelberger seinen Job. Und er hat offenbar große
Freude an seiner Aufgabe. Zwei, drei Schritte nur in sein Labor, und man läuft
gegen die Wand. Daran ist ein mannshohes Fließdiagramm gepinnt. Darüber, als
Überschrift, eine bedenkenswerte Frage: „What are we doing here, anyway?“
(Was machen wir hier eigentlich?) Immerhin hat der Biochemiker Enzelberger die
Antwort parat. „Cherry-picking“ (Kirschenpflücken), ruft er mir
durch das Surren der Labormaschinen entgegen. Er grinst zufrieden und fingert
weiter auf seiner Tastatur, um die Programme der Roboter auf Kurs zu halten.
Der 34-jährige
Forscher ist allein zwischen lauter Automaten. Gemeinsam suchen Mensch und
Maschinen in einer Unzahl von gentechnisch konstruierten Immuneiweißen nach den
mächtigsten Varianten. Enzelberger weiß nicht, dass ein ähnliches Eiweiß,
millionenfach vermehrt, seit ein paar Tagen durch meinen Körper wandert –
hoffentlich auf der Jagd nach den kleinen Übeltätern, die sich darangemacht
haben, mir das Augenlicht zu nehmen.
Bis zu Enzelbergers
„Kirschernte“ hat es lange gedauert: bis Wissenschaftler herausgefunden
hatten, wieso die ersten Versuche der Heilbehandlung mit Antikörpern so kläglich
scheitern mussten, und erkundet hatten, wie dem abzuhelfen wäre. Und bis der
biotechnische Fortschritt es überhaupt möglich machte, einen Stoff wie
Infliximab herzustellen.
Auch in Enzelbergers
Roboterlabor bei MorphoSys gilt ein Projekt der Bekämpfung chronischer Entzündungen:
MorphoSys will neue Antikörper-Medikamente gegen Schuppenflechte und
rheumatoide Arthritis entwickeln. Doch selbst mit den modernsten Verfahren ist
die Suche nach wirkungsvollen – und nebenwirkungsarmen – Antikörper-Molekülen
aus der Retorte ein mühsames Geschäft. „Low hanging fruits“, sagt
Simon Moroney, gebe es nun mal nicht im Antikörper-Geschäft.
Auch danach braucht ein
neues Medikament noch viel Zeit – von der Entwicklung im Labor bis zur
Anwendung bei Patienten können zehn Jahre vergehen. Deshalb ist meines alter Käse.
Infliximab ist ein Mischlingsmolekül aus Maus und Mensch. Der Menschenteil erfüllt
vor allem einen Zweck: Er soll den Antikörper maskieren gegenüber dem
Immunsystem. Die fehlende Tarnung war nämlich der Grund für das Desaster bei
den ersten Behandlungsversuchen mit reinen Maus-Antikörpern. Diese waren zwar
durchaus wirksam, wurden aber vom Immunsystem der Patienten sofort als das
erkannt, was sie eben auch waren: Maus-Eiweiße. Die Immunverteidigung der
Testpersonen machte Front gegen die Eindringlinge und zog sie aus dem Verkehr.
Meine Abwehr gibt nach
drei Wochen – und der zweiten Infliximab-Infusion – endlich Ruhe. Zum ersten
Mal seit einem Jahr spüre ich meine Augen nicht. Die Maus auf der Netzhaut
schrumpft etwas zusammen. Und sie hat ihr riesiges Ohr verloren. Den
Immunblocker CellCept hatte ich schon vor der ersten Infusion absetzen müssen.
„Die Kombination mit Infliximab ist nicht erprobt“, hatte Perniok mir erklärt,
„das wäre mir zu gefährlich.“ Außerdem ist meine Kortisondosis halbiert
worden.
Noch mal zwanzig Tage.
Dann der einundzwanzigste, der Tag der Wahrheitsfindung. Wieder fahre ich nach Köln.
Erst Infusion Nummer drei beim Rheumatologen Perniok: „Na, Herr Bahnsen, alles
gut gegangen? Sie sind infektfrei? Ihre Akte – Schwester Olga! Die Akte von
Dr. Bahnsen…“ – „…liegt auf dem Schreibtisch!“ Der leicht
untersetzte Doc rotiert durch sein Arztzimmer, die Akte ist weg. „Machen Sie
mal den Oberkörper frei, abhören muss ich Sie schon noch.“
Während die Schwester
die 400 Milligramm Infliximab-Pulver in steriler Kochsalzlösung auflöst, gibt
der Chef sein Okay (die Akte kam unter einem Stapel Lancet- und Rheumatology-Heften
zum Vorschein). Zwei Stunden später kann ich gehen, ein Haus weiter in die
Augenklinik zur Sehprüfung.
Will ich es eigentlich
wirklich wissen? Die Augen sagen: Du siehst besser. Der Verstand sagt: Du bist
noch immer enttäuscht worden. Mein Bauch: rumort. Der Arsch: auf Grundeis.
Visus-Check,
Gesichtsfeldprüfung, Netzhautbefund. Die Doktorin Helen Ayertey scharrt
innerlich mit den Füßen, als ihr Chef Brunner ins Untersuchungszimmer tritt,
springt auf, hält ihm die Werte unter die Nase: „Das ist der Hammer.“
Das kann man so oder so
verstehen. Aber dann ist es so: Keine Anzeichen für Entzündung. Gesichtsfeld
besser, Visus links von 10 auf 25, rechts von 60 auf 100 Prozent Sehschärfe. Oh
Mann! Alle Ärzte sind Engel, die Pharmaindustrie im Allgemeinen und die Firma
Centocor (die macht Infliximab) im Besonderen sind von guten Menschen bevölkert.
In Wahrheit hat der
Elan der Pharmazeuten natürlich andere Gründe als meine seltene
Augenkrankheit: Es sind vor allem verbreitete chronische Leiden – und die
stellen einen riesigen Markt dar –, die künftig mit Hilfe des gewaltigen
Repertoires menschlicher Immuneiweiße therapiert werden sollen. Etwa hundert
Milliarden unterschiedliche Antikörper erzeugt jeder Mensch im Lauf seines
Lebens und schickt sie auf Patrouille durch die Blutbahn. Jedes der Immuneiweiße
erkennt eine andere Molekülstruktur – für die Pharmaforscher eine unerschöpfliche
Quelle für Wirkstoffe, die dringend gebraucht werden: Medikamente gegen Krebs,
Infektionen, chronische Entzündungskrankheiten, auch Asthma oder
Lungenemphysem. Neuerdings gibt es sogar Hoffnung, mit solchen Medikamenten
Alzheimer und Altersblindheit bekämpfen zu können.
Diese neueste
Generation therapeutischer Antikörper, so genannte humanisierte oder vollhumane
Antikörper, ist vollkommen artifiziell, stammt aus keinem Körper, ist nie mit
einem Tropfen Blut in Berührung gekommen. Ihre Form wird am Großcomputern
errechnet, gentechnisch zurechtgeschneidert, und sie werden in Massen in
Zellkulturen produziert. Ihre Struktur aber ist praktisch vollkommen identisch
mit natürlichen humanen Antikörpern – das Immunsystem der Patienten erkennt
sie daher nicht als Fremdlinge.
Köln Hauptbahnhof,
erst mal Wasser kaufen. „Sie müssen viel trinken“, hatte Oberarzt Brunner
gemahnt, „mit Flüssigkeit können Sie die Blutzirkulation im Auge verbessern,
das kann in den Rändern der vernarbten Stellen noch viel bringen.“
Im IC nach
Hamburg-Dammtor; bei Münster wird es dunkel draußen, ich sehe ganz wenig. Das
liegt an den Tropfen zum Öffnen der Pupillen, trotzdem kriecht wieder Angst
hoch: ob dies nun endlich helfen wird, wie das alles weitergeht. Die richtigen
Abstände zwischen den Infusionen müssen für jeden Patienten individuell
herausgefunden werden. Bei mir und allen anderen Uveitis-Patienten, die Perniok
mit Infliximab behandelt, geht das so: nach der ersten Infusion werden die
folgenden in ansteigenden Abständen gegeben. So kann man feststellen, wie lange
die Wirkung des Medikaments anhält. Jetzt hatte ich Ladung drei, die nächste
kriege ich erst in acht Wochen. Irgendetwas sagt mir, es werden zwei lange
Monate.
Inzwischen hat wieder
Genentech den neuesten Erfolg mit Antikörpern gelandet. Avastin soll Leuten
helfen, denen es noch schlechter geht als mir. Es kann schwerstkranken
Darmkrebs-Patienten etwas mehr Leben schenken, weil es den Krebsherden die
Blutversorgung kappt. Und auch für mein Medikament, lese ich, gibt es nun einen
vielleicht besseren Ersatz. Humira ist auch ein Antikörper gegen das fatale Tnf
in meinem Blut, aber es ist ein vollhumanes Molekül. Das ist gut. Noch immer
besteht die Gefahr, dass mein Immunsystem sich irgendwann doch gegen das
Mensch-Maus-Medikament zur Wehr setzt.
Nach sechseinhalb
Wochen stellt sich heraus, dass acht Wochen Abstand zwischen den Infusionen
keine so gute Idee waren. Ich sehe nur Sandsturm, die Welt vor meinen Augen
flimmert, jedes Licht ist viel zu hell. Morgens knipse ich nicht die
Nachttischlampe an, sondern taste nach Streichhölzern und einer Kerze. „Okay.
Ziehen wir die Infusion vor“, schreibt Perniok auf meine Alarm-Mail zurück.
„Wann können Sie da sein?“ In Köln, am nächsten Morgen um zehn, ist es
dann nicht ganz so schlimm, aber „einen Teil der Verbesserung aus den letzten
Wochen haben wir wieder verloren“, sagt Helen Ayertey. „Das ist doch
wirklich ärgerlich.“ – „Immerhin“, tröstet Oberarzt Brunner, nachdem
er meine Augen minutenlang ausgeleuchtet hat – wenig angenehm, wenn man sich
schon von einer Leuchtdiode geblendet fühlt, „immerhin sehen Sie immer noch
deutlich besser als vor Beginn der Behandlung.“ Abmarsch in die Poliklinik,
Tropf, und dann nur nach Hause.
Es wird nicht besser.
Schließlich stimmt Perniok zu, die Keule rauszuholen, noch eine Ladung
Infliximab einzuleiten. Geheuer ist ihm die Sache nicht. Das merkt man sogar am
Telefon. Infliximab kann Nebenwirkungen haben, auch gefährliche. „Ein blinder
ist besser als ein toter Patient“, sagt er. Davon kann meinerseits keine Rede
sein, ich sehe das vorläufig exakt anders herum. Um halb sechs sitze ich in der
S-Bahn zum Hamburger Hauptbahnhof, dann im ersten Zug nach Köln. Untersuchung,
Urinprobe, Blutabnahme, Schwester Olga hängt den Tropf auf: „Welchen Arm
sollen wir heute nehmen?“
Eine Stunde ungefähr
wird die Infusion in meine Adern laufen. Tropfen für Tropfen. Es wird
langweilig, ich spüre nichts. Alle fünfzehn Minuten kommt Schwester Olga
(„Sind Sie okay?“), misst Blutdruck und Puls. „Haben Sie was gegessen? –
Das geht aber nicht.“ Nach zehn Minuten bringt sie Kaffee und Schokolade.
Oberarzt Perniok schießt plötzlich herein, wedelt mit einem Rezept. „Wir
sehen uns in vier Wochen“, sagt er, „holen Sie vorher das Medikament aus der
Apotheke.“ Er dreht schon ab, aber dann setzt er sich doch. „Fühlen Sie
sich gut? Okay, denken Sie an alles, was ich Ihnen gesagt habe. Ihre
Infektabwehr ist jetzt stark herabgesetzt. Achten Sie vor allem auf
Bronchialinfekte. Sofort zum Arzt, klar?“ Das waren ahnungsvolle Worte.
Schon am nächsten Tag
sehe ich wieder besser. Noch besser am übernächsten, einem Mittwoch. Am
Donnerstag bekomme ich Schnupfen, nichts Schlimmes, Abgeschlagenheit, Kopfweh,
was man da so hat. Was man da normalerweise nicht hat, beginnt am folgenden
Montag: Fieber, 39,6. Ein paar Tage später Diarrhöe, schwere Kopfschmerzen,
das Fieber ist auf 40,4 Grad gestiegen, und ich bin im Krankenhaus. „Nehmen
Sie außer Antibiotika Medikamente? – Infliximab? Oh!“ Die junge Ärztin in
der Notaufnahme kriegt Sehschlitze. „Okay, wir bringen sie jetzt nach oben.“
Zwei Tage später, als
der Oberarzt der Intensivstation zur Visite kommt, bin ich vollverkabelt, in
jeder verfügbaren Vene steckt ein Schlauch. Aber ich weiß immerhin wieder, wie
ich heiße. „Ihr Thorax-Computertomogramm hat uns überhaupt nicht gefallen.
Sie haben eine atypische Lungenentzündung, aber ich glaube, wir haben Glück.“
Nach fünf Tagen Intensivstation und insgesamt 15 Gramm Antibiotika kann ich das
erste Mal die vier Schritte zum Waschbecken ohne Sauerstoffschlauch vor der Nase
zurücklegen. Mich schwindelt von der Anstrengung und weil der Oberarzt den Satz
sagt, den ich gefürchtet habe: „Ich frage mich, ob man Ihnen Infliximab
weiter geben darf.“
Leider stellt sich auch
Perniok diese Frage. „Ich muss mir das überlegen“, sagt er, als ich mich
aus der Klinik zurückmelde. „Vielleicht ist das Risiko einfach zu groß.“
Was ich nicht weiß, ist, dass zu dieser Zeit ein anderer Infliximab-Patient in
seiner Kölner Klinik seit fast drei Wochen mit einer Lungenentzündung zwischen
Leben und Tod schwebt. Eine Woche später hat sich Perniok entschieden. Ich darf
weiter kommen. „Aber Sie werden erst richtig gesund, wir warten noch ein paar
Wochen ab bis zur nächsten Infusion.“
Vier Wochen und 400
Milligramm Infliximab später ist meine Augendoktorin „sehr zufrieden“ mit
mir. Und auch ihr Chef Brunner hat Hoffnung: „Den Krieg haben wir noch nicht
gewonnen, aber das ist ein Etappensieg.“ Die Frontlinie in meiner Krankenakte
verläuft jetzt bei Fernsicht: stabil, Nahsicht: verbessert, Gesichtsfeld:
weiter verbessert. Kortison: nur noch 40 Milligramm täglich.
Es ist Morgen, 6.12
Uhr, Hamburg Hauptbahnhof. Auf Gleis 13 geht wieder der Metropolitan nach Köln.
Ein prima Zug, Frühstück und Tageszeitungen sind inbegriffen. Immerhin kann
ich sie wieder lesen.
© 2004 Dr.Johann Müller, Tempelhofer Damm 179, 12099 Berlin
zuletzt bearbeitet - last updated: 11.06.04